Lücke im Gedächtnis
Der 24jährige Jens-Uwe Winter kann sich seit seinem Unfall im Vorjahr nicht mehr an seinen Aufenthalt in Iowa erinnern
Die Wörterkommen noch immer sehr gequält über die Lippen, doch die Augen leuchten und strahlen Freude aus. Und zur Freude hat Jens-Uwe Winterwirklich allen Grund; denn um ein Haar hätte der 24jährige, der am Aufbau der schleswig-holsteinischen Scheune in Manning einen wichtigen Anteil hatte, die Eröffnungsfeier nicht erlebt.
Als sich der Dachdecker, der zuvor Schlosser und Schmied gelernt hat, im vorigen Herbst zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug setzte, um beim Decken des Reetdaches zu helfen, ahnte er nicht, daß sein Ausflug in die Neue Welt gerade einmal zwei Wochen dauern würde. Mitten in den Arbeiten machte ein lebensgefährlicher Unfall all seine Träume zunichte. Nicht etwa auf dem Scheunen-Dach passsierte das Unglück, sondern auf der Straße. Unterwegs mit zwei seiner Kolle-gen, stießen sie auf der Landstraße frontal mit einem entgegen-kommenden Laster zusammen. Während seine Mitfahrer aus dem Auto geschleudert wurden und mit leichten Verletzungen davonkamen, wurde derJens-Uwe Winter aus Ribnitz-Damgarten bei Rostock durch die Frontscheibe geschleudert. Einem einmonatigen Krankenhausaufenthalt in den USA folgte ein halbes Jahr in einem deutschen Hospital.
Außerlich war dem gutgebauten jungen Mann und leidenschaftlichen Surfer das Unglück kaum anzusehen, als er jetzt in Begleitung seines Vaters zum zweiten Mal nach Iowa kam und dabei von den Bewohnern äußerst herzlich aufgenommen wurde. Nur: Er kann sich nicht mehr an seinen ersten Besuch im Vorjahr erinnern, das Gedächtnis ist ausgelöscht.
Es gibt nicht mehr sehr viele seines Kalibers. Reetdächer sind in Deutschland selten geworden, dementsprechend beherrschen wenige das Kunstwerk, eines zu decken. Es sei kein Lernberuf, sondern mehr ein Gefühl, so umschreibt es Jens-Uwe Winter. Besonders schwer sei es, die Neigung des 30 bis 35 Zentimeter dikken Reetdaches einzuhalten. In Manning wurden sage und schreibe 6500 Bündel verwendet.
Der Verunglückte zeigte sich vom Ergebnis begeistert und versprach, daß es nicht sein letzter Besuch gewesen sei.
Die plattdeutsche Gang
Unersetzliche Hilfe aus Norddeutschland sicherte den Aufbau der deutschen Scheune in Manning
Der eine ist so lebendig wie der andere in sich hineingekehrt. Beiden ist die bescheidene norddeutsche Herzlichkeit gemein, die dem Scheunen-Projekt in Manning von Anfang an zugute kam.
Dr. Carl Ingwer Johannsen, der vor zwei Monaten nach 21 Jahren als Leiter des Freilichtmuseums Molfsee bei Kiel ausschied, hatte Anfang der 90er Jahre nicht nur für den Kontakt zum Scheunen besitzer Claus Hachmann gesorgt, sondern als Lehrbeauftragter für die Fachrichtung Bauaufnahme an der Fachhochschule Kiel mit seinen Studenten später die Einzelteile der Scheune vermessen, numeriert und in Luftfracht-Container verstauen lassen.
Sein Freund Martin Peter Hansen, freischaffender Zimmermannsmeister für die ungewöhnlichsten Projekte in Schleswig-Holstein, brauchte nicht lange überredet zu werden, das Projekt in Iowa zu leiten. Eine solche Herausforderung nahm er nur zu gerne an. Durch seine Schwägerin in Davenport, Iowa, hatte schon zuvor ein Kontakt in den Mittleren Westen bestanden.
Die bei diesem Projekt unersetzliche „Renter-Gang" bestand des weiteren unter anderem aus deutschen Einwanderern, die vor rund einem halben Jahrhundert
ihr Maurer-Handwerk erlernten und ihre Erfahrung kostenlos zur Verfügung stellten. Alleine der Wert ihrer Arbeit wird auf rund 20 000 Dollar geschätzt. Selbst der alte Kamin wurde originalgetreu in der Scheune gemauert.
Bei all den deutschen Zungen in Manning ist es kein Wunder, daß so manche Konversation auf Platt-deutsch geführt wurde. Manning ist eben gar nicht so weit entfernt von Schleswig-Holstein.
Ein Original
Das ehrgeizigste deutsch-amerikanische Projekt seit anderthalb Jahrzehnten
Manning, IA - Es ist eines dieser Dörfer, in das sich niemand freiwillig verirrt. 1500 Einwohner leben in ihren Häuschen links und rechts der Hauptstraße, an der ein paar Laden auf Kundschaft warten Immerhin: Ein eigenes kleines Krankenhaus gibt es hier und eine Schule. Große, zugkräftige Arbeitgeber fehlen fast gänzlich hier in Manning im Westen Iowas, das in Zukunft mehr sein will, als nur ein kleiner Punkt auf der Landkarte. Dabei soll eine Scheune helfen. Nicht etwa irgendeine, sondern ein deutsches Original, das Stück für Stück aus Schleswig-Holstein importiert worden ist und vor einigen Tagen offiziell eröffnet wurde.
Es handelt sich wohl um das ehrgeizigste deutschamerikanische Mammut-Projekt seit Errichtung des Auswandererdenkmals in Bremerhaven. Hier mußte sich nicht etwa eine lokale Vereinigung auf den Bau eines Gebäudes einigen, hier gab es über einen Zeitraum von 15 Jahren eine Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Amerikanern, ohne auf eine prall gefüllte Kasse zurückgreifen zu können. Die Initiatoren können ungeniert von einer amerikaweiten Tragweite ihrer Anstrengungen sprechen, die hoffentlich in anderen deutschamerikanischen Gemeinden Nachahmer finden wird.
Mehr noch als die rund tausend Gäste bei der Einweihung waren die aus Schleswig-Holstein angereisten Spender der Scheune, Clans und Paula Hachmann, beim Anblick des Gebäudes erstaunt. Es sieht sicher noch schöner aus als an seinem angestammten Platz in Offenseth hei Itzehoe, wo es zwischen 1660 und 1996 stand, ehe es, nicht ohne Querelen mit den dortigen Behörden, auseinandergenommen und nach Amerika geflogen wurde. Landwirt Hachmann wollte mit seinem Geschenk Wiedergutmachung leisten für all die Gesten, die er von Amerikanern seit 1945 erfahren hat. Für ihn war die Zeremonie, hei der die schleswig-holsteinische Flagge neben der Iowa-Fahne wehte, deshalb ein augenscheinlich besonders gefühlsbetonter Moment.
Noch vor anderthalb Jahren hatte Heinz Voss aus Houston, Texas, der durch Berichte in der AW auf die Scheune aufmerksam wurde, wenig Hoffnung, daß die Scheune jemals stehen würde. Immerhin war die Grundsteinlegung durch Prinzessin Elisabeth zu Ysenhurg und Büdingen, Prinzessin von schleswig-Holstein, Somderburg und Glücksburg bereits im Juni 1997 erfolgt. Lange Zeit hätten die nu merierten Holzbalken in der Ecke gelegen, ohne daß jemand die Initiative ergriffen hätte, wie er erzählt. Der heute 69jährige gelernte Zimmermann, der schließlich bei der Verwirklichung half, ist im Nachhinein erstaunt über die enorme Einsatzbereitschaft auf beiden Seiten des Atlantiks: angefangen vom Kuratoren des Freilichtmuseums Molfsee bei Kiel über die Hilfen beim Decken des Reetdaches bis hin zu Deutschamerikanern, die als gelernte Maurer mit von der Partie waren.
Sonderseiten von Mario Schiefeibein
Die Einwohner Mannings haben es nun in der Hand, mit Hilfe dieser wunderschönen Fachwerk-Scheune, die in erster Linie als Museum diesen soll, ihre Zukunft neu zu definieren. Martin Schlenker, Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Iowa, hatte bei der Einweihung wohlweislich darauf gepocht, daß Deutschland nicht nur über Oktoberfeste zu definieren sei. Der Anwalt erinnerte an die antideutsche Hysterie aus den Weltkriegen, in denen eine Einwohnerin eine Strafe von hundert Dollar aufgebrummt bekam, weil sie die Phrase „Wie geht's auf deutsch sagte. Er erwähnte Deutschamerikaner, die gegen die alte Heimat kämpften, und wie sehr sich Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg in jeder Beziehung gewandelt hat und noch immer wandell
Das kleine Manning will mit genau diesem Hintergedanken nicht nur für sich, sondern auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen werben. Mit der Eröffnung der Scheune steht den Bewohnern die meiste Arbeit jedoch noch bevor.
Nicht nur ein Punkt auf der Landkarte
Die eigentliche Arbeit beginnt für die Einwohner Mannings jetzt erst: Scheune im Heritage Park sollen weitere Projekte folgen
Wenn es nach LeRoy und Freda Dammann geht, soll es mit dem allzu friedlichen Leben in Manning inmitten der ausladenen Wiesen in einer wunderschön hügeligen Landschaft bald vorbei sein. Sie gehören zu den Vorreitern des Scheunen-Projekts, das vor anderthalb Jahrzehnten angestoßen wurde, uni dein Ort endlich neue Perspektiven zu ermöglichen.
Das benachbarte Elkhorn hatte es den Bewohnern Mannings vorgemacht: Dort haben die Einwohner mit zumeist dänischen Vorfahren eine echte Mühle lmportiert und als Touristenattraktion samt Restaurant und Christlan-Andersen-Büsteausgeschlachtet. Dies sollte in Manning, das 1881 von vornehmlich Schleswig-Holsteinern gegründet worden war, doch auch gelingen!
Natürlich sind sich die Verantwortlichen darüber im klaren, daß eine zum Museum umfunktionierte Scheune noch nicht genügt, um mehr als nur ein Punkt auf der Landkarte zu sein. Immerhin gibt es im Ortskern eine „German Mail" mit Fachwerkimitat, über dem die deutsche Fahne flattert. Was die Scheune angeht, so ist bereits von einem Restaurant die Rede, einige !räumen sogar von einem Bed & Breakfast in Nachbarschaft der Scheune.
Der Staat Iowa hat jüngst einen Zuschuß von 200 000 Dollar angekündigt, wenn die Initiatoren genauso viel aufbringen. Die Summe wurde größtenteils in Form von freiwilligen Arbeitsstunden abgeleistet.
Her mehr zur Scheune und der federführenden Manning Heritage Foundation wissen möchte, erhält Auskünle unter der Telefonnummer 800-292-0252 oder unter der Faxnummer 712-653-2941, unter der E-Mail-Adresse heritag@longlines.com und auf der Website: http://199.120.116.1/~heritag/index.html